Kurze Produktzyklen – welches Ziel verfolgen Kamerahersteller?

Jürgen Pagel

Kurze Produktionszyklen - welches Ziel verfolgen Kamerahersteller

Wenn Hersteller Produkte in kurzen Zyklen auf den Markt bringen, nennt man dies oft "agiles Produktmanagement" oder "frequente Produkteinführungen". Dieser Ansatz ermöglicht es Unternehmen, schneller auf Marktänderungen und Kundenfeedback zu reagieren und ständig ihre Produkte zu optimieren. Sollte man meinen.

Die Realität schaut jedoch offensichtlich anders aus. Canon bringt ein RF 24mm f/1.4 L VCM auf den Markt – viel schlechter geht es kaum. Stand doch das „L“ mal für das Beste der Marke. Fujifilm präsentiert für fast 6.000 Euro eine neue GFX100RF, 102 MP im Mittelformat. Was zunächst bahnbrechend und beeindruckend klingt, birgt am Ende doch „nur“ einen Sensor ohne IBIS und eine Festbrennweite. Weder für Serienaufnahmen noch für die Sportfotografie geeignet und fürs Filmen täte es auch weniger.
Sony wirft eine Kamera nach der anderen in gefühlt monatlichen Abständen auf den Markt. Selbst OM-Systems – zuvor Olympus und fast bankrott – sucht krampfhaft den Anschluss und bringt echte Preisschlager an den Endnutzer.

Wozu das alles?
Kurze Produktzyklen sind sinnvoll, wenn sie den Kunden mit seinen Wünschen befriedigen und Optimierungen tatsächlich erkennbar sind. Sony hat mittlerweile 53 Modelle auf dem Markt, die alles eines gemeinsam haben – sie machen Fotos und manchmal mehr oder weniger gut Filme. Weit mehr als die Hälfte davon sind im Sony E-Mount-System zu Hause. Nur fünf Modelle haben weniger als 20MP.
Ein Upgrade von einer A6000 zu einer A6700 ist ohne Zweifel sinnvoll, die Specs sind deutlich umfangreicher. Allerdings liegen zwischen beiden Kameras auch 9 Jahre Entwicklungszeit. 
Sind es immer die technischen Neuerungen, die Kamerahersteller bewegen, ständig neue Modelle ohne große technische Sprünge auf den Markt „zu werfen“?
Die Antwort ist einfach: Nein. Die Hersteller sind mächtig unter Druck.

Während die Gesamtlieferungen von Digitalkameras im Jahr 2023 nur rund 96% des Vorjahres erreichten, lag die Zahl bei Wechselobjektiven bei 101,2% leicht darüber. Spiegellose Kameras verzeichneten dagegen ein zweistelliges Wachstum auf 118,6% und kamen auf 4.832.813 Stück.

Insgesamt lieferte die japanische Fotoindustrie im vergangenen Jahr 7.720.505 Kameras, von denen 5.998.913 (78 %) Systemkameras waren (Mirrorless und DSLRs). Dabei wurde mit 46,1 % knapp die Hälfte aller weltweit verkauften Digitalkameras in Asien verkauft, allen Ländern voran in China, wo eine Steigerung auf 124,7 % erzielt wurde, während der Absatz in Europa mit 80,8 % und in Amerika mit 94,3 % hinter den Vorjahreszahlen zurückblieb.

Wechselobjektive japanischer Hersteller erreichten 2023 mit 99,1% nahezu das Marktvolumen des Vorjahres, mithin 9.638.752 Stück. Dies entspricht 1,6 Objektiven pro verkaufter Systemkamera, wobei solche für APS-C und Micro Four Thirds Kameras zulegen konnten.

Für 2024 prognostiziert die CIPA weltweit rund 7. 41 Millionen Kameraverkäufe, was nur 96 % des Vorjahres entspricht. Davon werden voraussichtlich 860.000 Kameras in Japan und 6,55 Millionen in anderen Märkten Käufer finden, was einem Exportanteil von 96,2% entspricht. Der Anteil der voraussichtlich 5,89 Millionen Systemkameras soll 98,2% des Vorjahres ausmachen, der von Kompaktkameras mit 1,52 Millionen Einheiten auf 88,4% schrumpfen.


Die Entwicklung bleibt also rückläufig. Ob dem mit immer neuen Modellen entgegengetreten werden kann, ist und bleibt fraglich. Wahrscheinlich nicht. Aber es scheint ihnen einen Versuch wert zu sein.


Und das funktioniert nur, wenn die Kunden mitmachen. Aber genau das ist ein Problem. Das Geld sitzt längst nicht mehr so locker.

Die durchschnittliche Inflationsrate weltweit ist im Jahr 2023 um rund 6,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen. Für das Jahr 2024 wird eine Inflationsrate von rund 5,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr prognostiziert. Im Jahr 2025 wird die Inflationsrate auf rund 4,51 Prozent geschätzt.

Kriege, weltweite Krisen, autoritäre Staatssysteme sowie die damit verbundene Verunsicherung der Märkte und Investoren sorgt für ein Klima der Zurückhaltung. Der Bestand zählt heute nur noch wenig, Trends konsequent zu folgen – egal ob sinnvoll oder nicht – ist das Zeichen der Stunde. Verlässlichkeit und Zuversicht gehören der Vergangenheit an.


All das trägt nicht gerade zu einem Hype bei den Konsumenten bei und immer mehr besinnen sich auf „alte“, zuverlässige Technik aus dem vergangenen Jahrzehnt. Die Kritik an kleinen Technologiesprüngen wird größer, die Kunden werden kritischer und sind immer weniger bereit, viel Geld für wenig Ware auszugeben. Letztendlich macht eine Kamera mit 24MP nicht wirklich bessere Bilder als eine mit 40MP. Die Detailschärfe ist größer, aber das ist nur bei einem Wandbild und geringem Betrachtungsabstand relevant. Vergleicht man ein Objektiv mit 28mm Brennweite bei niedrigster Blende f/2.8 mit einer f/4.0, so ist der sichtbare Unterschied nicht vorhanden. Der Unterschied im Geldbeutel aber schon, denn beide Objektive trennen ca. 1.000 Euro. Ähnlich verhält sich das auch bei den Kameras. Eine Nikon Z8 – eine herausragende Kamera – und eine Fujifilm X-H2 – die vielseitigste unter den APS-C-Kameras – trennen in der Gesamtbewertung nur 6 Punkte voneinander (86 vs. 91). Dafür kostet sie auch fast doppelt so viel, bietet allerdings nicht doppelt so viel an Leistung.

Heutzutage eine Entscheidung für ein Kamerasystem zu treffen ist schwerer denn je. Zu klein sind die Unterschiede, zu speziell die Anforderungen. Getrieben von immer mehr Smartphones und immer geschickter getarnten Unwahrheiten über deren Leistungsfähigkeit, verrennen sich die Kamerahersteller in dem Ziel, immer mehr Geräte zu verkaufen, statt ihren Bestand zu pflegen und nur dann neue Modelle auf den Markt zu bringen, wenn dies auf Grund des technologischen Fortschritts sinnvoll erscheint.


Wo das endet? Ehrlich gesagt, keine Ahnung. Neue Kameramodelle jenseits der 3.000 Euro, wie sie zunehmend zu finden sind, werden ziemlich sicher keine oder nur wenige Käufer finden. Viele Interessenten warten, bis die Straßenpreise gefallen sind oder die ersten gebrauchten Kameras und Objektive bei Ebay bzw. bei den Fachhändlern auftauchen. Das ist gut so, denn Modelle aus den Vorjahren sind - je nach Anspruch und Erfordernis – allemal gut genug.


Was denkst du darüber? Schreibe mir gerne. Ich freue mich auf deinen Kommentar.


©2025 Jürgen Pagel

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